Vertrag unterschrieben, Schlüssel übergeben – jetzt sind Sie Chef. Gratulation! Viele Käufer wollen sofort alles umkrempeln: neues Logo, neue Prozesse, neue Regeln. Verständlich, aber ein fundamentaler Fehler. Denn die ersten 100 Tage entscheiden, ob die Integration gelingt oder scheitert. Kurt Schauer, der zwischen 2007 und 2025 zwölf Unternehmen übernommen hat, kennt diese kritische Phase aus eigener Erfahrung.
In seinem Beitrag im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ teilt Schauer seine bewährte Strategie für die ersten Monate nach der Übernahme. Sein Ansatz: Zurückhaltung statt Aktionismus, Zuhören statt Durchregieren, Beobachten statt Bewerten. Diese Erkenntnisse sind Teil eines einzigartigen Werks, das den konsequent externen Blick von 14 Experten vereint, die Familienunternehmen durch Nachfolgeprozesse begleiten.
Warum Zurückhaltung am Anfang entscheidend ist
Mitarbeitende sind Gewohnheitstiere. Die Übernahme bringt Unsicherheit mit sich: „Was wird sich ändern? Bleibt mein Job sicher? Kann ich dem neuen Chef vertrauen?“ Wer jetzt mit Tempo über alles drüberbügelt, riskiert viel – Unruhe im Team, Abwanderung wichtiger Leistungsträger und verärgerte Kunden.
Die typischen Folgen von Schnellschüssen sind gravierend: massive Verunsicherung im Team, Verlust wichtiger Schlüsselpersonen und erhebliche Reibung mit langjährigen Kunden. Dabei ist gerade die Kontinuität in den ersten Wochen entscheidend für die langfristige Stabilität. Menschen brauchen Zeit, um Vertrauen aufzubauen – und Vertrauen ist die Währung erfolgreicher Integrationen.
Die „Praktikanten-Methode“ – Zuhören statt durchregieren
Schauer hat sich in seinen ersten Übernahmen eine besondere Methode angewöhnt: Er tritt als „Praktikant“ auf. Er fragt, beobachtet, lässt sich Abläufe erklären – ohne direkt zu bewerten. Diese Haltung schafft Vertrauen und liefert ehrliche Einblicke in die tatsächlichen Strukturen und Herausforderungen.
Warum diese Methode funktioniert: Mitarbeitende öffnen sich und teilen auch kritische Perspektiven. Schwachstellen und Potenziale werden sichtbar, die in keinem Datenraum dokumentiert sind. Prozesse, die erst ineffizient wirken, offenbaren ihre Logik – oft gibt es gute Gründe für scheinbar umständliche Abläufe. Ein konkretes Beispiel aus Schauers Praxis: Ein Mitarbeiter aus der Buchhaltung hatte fantastische Ideen zur Prozessverbesserung. Diese Schätze hätte er nie entdeckt, wenn er nur von oben gesteuert und eigene Vorstellungen durchgesetzt hätte.
Die Praktikanten-Methode erfordert Demut und echtes Interesse. Sie signalisiert den Mitarbeitenden: „Ich respektiere eure Erfahrung und will verstehen, bevor ich verändere.“ Diese Haltung zahlt sich vielfach aus – sowohl in der Qualität der gewonnenen Informationen als auch im aufgebauten Vertrauen.
Die drei wichtigsten Aufgaben in den ersten 100 Tagen
Aufgabe 1: Präsenz zeigen
Seien Sie jeden Tag vor Ort. Nicht im Büro verstecken, sondern raus zu den Leuten. Zeigen Sie echtes Interesse an der Arbeit, den Menschen und den Herausforderungen. Sichtbarkeit schafft Vertrauen. Mitarbeitende wollen wissen: Wer ist der neue Chef? Ist er greifbar? Nimmt er uns ernst? Nur durch tägliche Präsenz können Sie diese Fragen beantworten und eine persönliche Beziehung aufbauen.
Aufgabe 2: Zuhören
Fragen Sie aktiv: Was läuft gut im Unternehmen? Was nervt die Mitarbeitenden? Was sollte sich aus ihrer Sicht ändern? Und dann – und das ist entscheidend – hören Sie wirklich zu. Nicht nur oberflächlich nicken, sondern verstehen. Machen Sie sich Notizen, stellen Sie Rückfragen, zeigen Sie echtes Interesse. Die besten Verbesserungsideen kommen oft von den Menschen, die täglich mit den Prozessen arbeiten.
Aufgabe 3: Nichts überstürzen
Keine sichtbaren Änderungen in der Startphase. Beobachten, verstehen, planen – in dieser Reihenfolge. Veränderungen, die aus unvollständigem Verständnis entstehen, richten mehr Schaden an als Nutzen. Erst wenn Sie die Zusammenhänge wirklich durchdrungen haben, sollten Sie Änderungen initiieren. Geduld in dieser Phase zahlt sich vielfach aus.
Auch Kunden merken Veränderungen
Gerade im Mittelstand sind Kundenbeziehungen persönlich geprägt. Der Chefwechsel fällt auf – und kann verunsichern. Deshalb ist es entscheidend, frühzeitig Kontakt zu suchen, transparent zu erklären und aktiv Vertrauen aufzubauen. Schauers Ansatz: Er besucht wichtige Kunden persönlich, erklärt seine Pläne und liefert bewusst mehr als erwartet. Diese „Extra-Meile“ zahlt sich aus – Kunden spüren, dass der neue Inhaber es ernst meint und ihre Beziehung zum Unternehmen wertschätzt.
Kundengespräche in den ersten 100 Tagen sollten folgende Botschaften transportieren: Kontinuität bei Qualität und Service, persönliches Engagement des neuen Inhabers, Offenheit für Feedback und Verbesserungsvorschläge sowie klare Ansprechpartner für alle Anliegen. Kunden, die sich in dieser kritischen Phase gut betreut fühlen, bleiben oft loyaler als vorher.
Veränderung ja – aber mit Plan
Natürlich soll sich langfristig etwas verbessern. Aber nicht sofort und nicht alles auf einmal. Gute Veränderungen brauchen Timing und Beteiligung der Betroffenen. Der Weg zum Erfolg führt über klare Kommunikation: Warum machen wir das? Was ist das Ziel? Wie profitieren alle davon? Außerdem ist es wichtig, Mitarbeitende aktiv einzubinden: Wer mitgestalten darf, macht mit. Partizipation schafft Akzeptanz.
Zusätzlich helfen Quick Wins – kleine, sichtbare Erfolge, die motivieren und Akzeptanz für größere Veränderungen schaffen. Beispiele können sein: Verbesserung eines nervigen Prozesses, Anschaffung lange geforderter Arbeitsmittel oder Lösung eines bekannten Problems. Solche schnellen Erfolge zeigen: Der neue Chef hört zu und handelt.
Der externe Blick macht den Unterschied
Kurt Schauers Erkenntnisse sind das Ergebnis von zwölf Übernahmen und unzähligen Erfahrungen – Erfolgen wie Fehlern. Als externer Begleiter von Nachfolgen im Mittelstand bringt er die Objektivität mit, die viele Insider vermissen lassen. Im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ vereinen sich solche Perspektiven von 14 Experten, die zusammen über 300 Jahre Praxiserfahrung mitbringen.
Was dieses Buch besonders macht: Der konsequent externe Blick aller Autoren deckt systematisch die blinden Flecken auf, die Insider oft nicht sehen. Es bietet authentische Praxis statt akademischer Theorie, reale Fallbeispiele aus hunderten Nachfolgeprozessen und konkrete Handlungsempfehlungen für sofortige Umsetzung.
Den vollständigen Originalbeitrag „Fit für Buy & Build? – Worauf Käufer achten, wenn sie kleine Unternehmen übernehmen“ von Kurt Schauer findest du im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ und einen kostenlosen Auszug findest du unter Kapitelauszüge kostenlos lesen
Die ersten 100 Tage nach einer Unternehmensübernahme sind keine Umbauphase – sie sind die Chance, die Menschen im Unternehmen für sich zu gewinnen. Beobachten, zuhören, präsent sein – bevor Sie handeln. Wer hier klug vorgeht, schafft das Fundament für langfristigen Erfolg. Vertrauen kommt vor Veränderung. Diese Erkenntnis unterscheidet erfolgreiche von gescheiterten Übernahmen. Der externe Blick hilft dabei, diese kritische Phase professionell zu meistern.