Lebenswerk mit Zukunft

Nachfolge als Wandel: Tradition und Innovation im Chamäleon-Modell

Nachfolge in Familienunternehmen ist weit mehr als ein personeller Wechsel an der Spitze. Es ist ein tiefgreifender Wandlungsprozess, der die Unternehmensvision neu ausdeutet und gleichzeitig die gewachsenen Stärken bewahrt. Doch wie gelingt diese Balance zwischen Bewahrung und Erneuerung?

Prof. Dr. Markus Grottke, Experte für Nachfolge, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und KI in Familienunternehmen, zeigt in seinem Beitrag „Führung, Werte, Wandel: Wie Familienunternehmen im Rahmen der Nachfolge das Leadership-Modell für sich neu erfinden müssen“ aus dem Buch „Lebenswerk mit Zukunft“, wie das Chamäleon-Modell Familienunternehmen hilft, diese Herausforderung zu meistern.

Was bedeutet Wandel in der Nachfolge?

Wandel bezeichnet den Prozess der Auswirkungen der Generationenübergabe – sei es an der Familie angehörige, sei es an externe Nachfolger. Da Menschen sich zwar ähneln mögen, aber gerade in der Führung in exponierter Position immer auch individuelle Eigenschaften haben, bedeutet dies: Die bisherige Unternehmensvision wird neu ausgedeutet.

Getreu dem Verständnis von Viktor Frankl ergibt sich Sinn immer in Form einer einzigartigen Kombination aus Erfahrungen, Person und konkreten aktuellen Anforderungen. Für jeweils andere Personen erschließen sich folglich auch andere Sinnpotentiale. Dies ist kein Defizit, sondern eine Chance für Erneuerung.

Das Chamäleon-Modell: Anpassung bei bewährter DNA

Nachfolge bedeutet indes, dass gerade in Familienunternehmen Sinnpotentiale nicht von der Vergangenheit unabhängig zu sehen sind. Vielmehr sorgt gerade die im Unternehmen beziehungsweise in der Unternehmerfamilie angesammelte Erfahrung dafür, dass latent ein umfassendes Lösungspotential für verschiedenste Probleme angesammelt ist, welches nur einer Umsetzung bedarf, wenn denn die Zeit dafür gekommen ist.

Diese Denkfigur eines Familienunternehmens als Chamäleon-Modell bedeutet: Das Unternehmen passt sich wie ein Chamäleon an veränderte Umweltbedingungen an, behält aber seine grundlegende DNA bei. Es handelt sich nicht um völlige Neuerfindung, sondern um adaptive Evolution.

Tradition als Innovations-Ressource

Darum gilt hier immer: Zukunft besteht aus einer Tradition heraus. Innovationen weisen immer einen Anteil auf, der auch eine Fortführung des vorher bestehenden Familienunternehmens bedeutet. Es handelt sich schließlich nicht um ein Unternehmen auf der grünen Wiese, sondern um ein gestandenes langjähriges Familienunternehmen mit gewachsenen Strukturen, Beziehungen und Kompetenzen.

Diese Perspektive hat weitreichende Konsequenzen für die Gestaltung der Nachfolge:

  • Historisches Wissen nutzen: Die Erfahrungen vergangener Krisen und Transformationen sind wertvolle Ressourcen
  • Bewährte Strukturen erhalten: Nicht alles muss verändert werden – identifizieren Sie, was funktioniert
  • Beziehungsnetzwerke bewahren: Langjährige Kundenbeziehungen und Mitarbeiterbindungen sind Assets
  • Regionale Verwurzelung als Stärke: Lokale Verankerung ist kein Relikt, sondern Wettbewerbsvorteil
  • Unternehmerische DNA weitertragen: Der Gründergeist und die Werte bleiben, die Form passt sich an

Leadership als personenzentrierter Aspekt

Leadership wollen wir im Kontrast zum Management als den personenzentrierten Aspekt von Führung durch Mitarbeiterführung, aber auch Selbstführung begreifen. Dies ist insofern bedeutsam, als dass nur gegen diesen Hintergrund deutlich wird: Es handelt sich hier um kein technisches Unterfangen, sondern um ein zutiefst menschliches.

Der Wandel in der Nachfolge ist kein Prozess, der sich durch Organigramme und Prozessbeschreibungen allein bewältigen lässt. Er erfordert persönliche Transformation, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, Menschen in Veränderungsprozessen zu führen und zu begleiten.

Praktische Umsetzung des Wandels

Zuletzt beinhaltet Nachfolge das Was – hier gilt es dann konkret umzusetzen, was inhaltlich zu tun ist. Das heißt: Wie soll das fragliche Grundbedürfnis, welches durch den Unternehmenssinn adressiert wird, in Zukunft abgedeckt werden? Mit anderen Worten ist hier darauf einzugehen, in welcher Form nun genau partizipativ mit den Mitarbeitenden an den Tätigkeiten des Unternehmens gearbeitet werden soll.

Dies erfordert konkrete Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie werden Entscheidungen getroffen? Welche Rolle spielen Mitarbeitende in strategischen Fragen?
  • Wie wird Innovation gefördert? Welche Strukturen ermöglichen kreative Lösungen?
  • Wie wird kommuniziert? Welche Formate sorgen für Transparenz und Beteiligung?
  • Wie wird gelernt? Welche Mechanismen ermöglichen kontinuierliche Weiterentwicklung?
  • Wie wird geführt? Welcher Leadership-Stil passt zur neuen Generation und den Herausforderungen?

Die Balance zwischen Alt und Neu

Der größte Fehler in Nachfolgeprozessen ist es, entweder alles beim Alten zu belassen oder radikal mit der Vergangenheit zu brechen. Beides führt zum Scheitern. Das Chamäleon-Modell zeigt den mittleren Weg: Bewahren Sie die DNA, passen Sie die Erscheinungsform an.

Dies bedeutet konkret: Die Kernwerte bleiben bestehen, aber ihre Umsetzung wird modernisiert. Die Vision bleibt erhalten, aber ihre Interpretation wird erweitert. Die Kundenbeziehungen bleiben wichtig, aber die Kanäle werden digitaler. Die regionale Verwurzelung bleibt bestehen, aber die Reichweite wird größer.

Nachfolge als kontinuierlicher Prozess

Wandel in der Nachfolge ist kein einmaliges Event, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Das Chamäleon passt sich ständig an veränderte Bedingungen an – genauso muss auch das Familienunternehmen bereit sein, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, ohne seine Identität zu verlieren.

Den vollständigen Originalbeitrag von Prof. Dr. Markus Grottke findest du im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ und einen kostenlosen Auszug findest du unter Kapitelauszüge kostenlos lesen

Was „Lebenswerk mit Zukunft“ auszeichnet: Das Buch verbindet wissenschaftliche Konzepte wie das Chamäleon-Modell mit praktischer Anwendbarkeit. Prof. Dr. Grottke zeigt, wie Familienunternehmen ihre historisch gewachsenen Stärken als Ressource für Innovation nutzen können. Mit über fünfzehn Jahren Forschungserfahrung und zahlreichen Publikationen zur Digitalisierung in Familienunternehmen bietet er fundierte und zugleich praxistaugliche Perspektiven auf den Wandel in der Nachfolge.