Lebenswerk mit Zukunft

Unternehmenswerte richtig definieren: Von der Vision zur gelebten Praxis

Viele Familienunternehmen haben ihre Werte an der Wand hängen – Integrität, Qualität, Vertrauen. Doch was bedeuten diese Werte wirklich? Und wie werden sie zur gelebten Praxis statt zu hohlen Worthülsen? Die Antwort liegt in einem tieferen Verständnis dessen, was Werte im Kontext von Familienunternehmen wirklich sind.

Prof. Dr. Markus Grottke, Experte für Nachfolge, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und KI in Familienunternehmen, zeigt in seinem Beitrag „Führung, Werte, Wandel: Wie Familienunternehmen im Rahmen der Nachfolge das Leadership-Modell für sich neu erfinden müssen“ aus dem Buch „Lebenswerk mit Zukunft“, wie Werte als sinnvolle Konkretionen der Unternehmensvision verstanden werden müssen.

Was sind Werte wirklich?

Unter Werten verstehen wir mit dem Unternehmenssinn in Beziehung stehende Beziehungswerte, Erlebniswerte und Einstellungswerte. Werte stellen nichts anderes dar als sinn-volle – das heißt mit Sinn gefüllte – Konkretionen der Unternehmensvision in unterschiedlichen Dimensionen. Diese Unterscheidung nach Viktor Frankl ist entscheidend für das Verständnis, wie Werte in Familienunternehmen wirksam werden.

Beziehungswerte: Sinn durch Dialog und Verbindung

Beziehungswerte zielen darauf ab, Sinn durch einzigartige Dialoge und Beziehungen erleben zu lassen. Im Beispiel des Familienunternehmens Steiff bedeutet dies: Kinder erleben Sinn durch einzigartige Dialoge und Beziehungen mit Angehörigen des Unternehmens oder untereinander und mit den Eltern – ausgelöst oder unterstützt durch das Unternehmen.

Für Familienunternehmen in der Nachfolge ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:

  • Persönliche Kundenbeziehungen pflegen: Der direkte Kontakt zu Kunden wird nicht anonymisiert, sondern als Wert bewahrt
  • Mitarbeiterbeziehungen stärken: Flache Hierarchien und persönliche Gespräche werden institutionalisiert
  • Lieferantenpartnerschaften aufbauen: Langfristige, vertrauensvolle Beziehungen statt rein transaktionaler Austausch
  • Regionale Verwurzelung leben: Aktive Teilnahme am lokalen Gemeinschaftsleben und Dialog mit der Region

Erlebniswerte: Sinn durch Erfahrungen schaffen

Erlebniswerte lassen sich durch geeignete Events, Aufführungen oder digitale Formate erzeugen, welche geeignet sind, Sinn zu vermitteln. Bei Steiff könnten dies Videospiele oder digitale Formate unter Einsatz der Steiff-Produkte sein, die Kindern Freude und damit Sinn vermitteln.

Für die Nachfolgegeneration in Familienunternehmen bedeutet dies, Erlebnisse bewusst zu gestalten:

  • Produkt- und Serviceerlebnisse: Jeder Kontaktpunkt mit dem Unternehmen wird als sinnstiftendes Erlebnis gestaltet
  • Mitarbeiter-Events: Gemeinsame Erlebnisse stärken die Bindung und vermitteln die Unternehmenswerte
  • Kunden-Events: Workshops, Schulungen oder Veranstaltungen, die über den reinen Verkauf hinausgehen
  • Digitale Erlebnisse: Auch in der digitalen Welt können sinnstiftende Erlebnisse geschaffen werden

Einstellungswerte: Sinn auch in schwierigen Zeiten

Einstellungswerte umfassen Momente, in denen nicht alles so läuft wie geplant – sie beziehen sich auf schicksalhafte Situationen. Bei Steiff würde dies bedeuten: Die Angebote des Unternehmens helfen Kindern in schwierigen Situationen – etwa bei Verlust von Eltern oder Geschwistern – einen sinnvollen Umgang mit Verlust, Tod und Trauer zu finden.

Für Familienunternehmen in der Krise oder Transformation sind Einstellungswerte von besonderer Bedeutung:

  • Krisenkommunikation: Ehrlich und transparent auch über Schwierigkeiten sprechen
  • Durchhaltevermögen zeigen: In schwierigen Zeiten zu den Werten stehen, auch wenn es kostet
  • Mitarbeiter in Krisen unterstützen: Über das gesetzlich Notwendige hinaus für Mitarbeiter da sein
  • Kunden in schwierigen Situationen begleiten: Flexibilität und Verständnis zeigen, wenn Kunden in Not sind

Vom Wie zum Was: Werte in Handlung übersetzen

Ist der Sinn des Unternehmens einmal zumindest als Vision entwickelt, geht es darum, diesen auch spürbar und erlebbar zu machen. Dies spiegelt sich im Wie der Nachfolge. Nachfolge heißt hier weit mehr als nur auf jemanden anderen zu folgen – es bedeutet, bereit zu sein, eine Nachfolge mit all ihren Schwierigkeiten unter Einbringung des ganzen Menschen anzutreten.

Insbesondere bedarf es hierzu der Selbstführung, das heißt der Vorbildfunktion des Nachfolgenden auch in schwierigen Zeiten. Dies beinhaltet insbesondere zwei Fähigkeiten: Kreativität einerseits sowie Leidensfähigkeit andererseits.

Kreativität und unternehmerische Findigkeit benötigt es im Sinne der Schaffens- und Erlebniswerte – die Fähigkeit, die extern zu einem guten Teil mitverursachten Gegebenheiten so zu gestalten, dass sie für das Unternehmen und das Netzwerk gut ausgehen. Leidensfähigkeit im Sinne der Einstellungswerte bedarf es, um zu zeigen, dass ein Stehen zu dem Unternehmen auch dann gegeben ist, wenn man damit zuweilen alleine steht.

Sinnorientierte Leadership in Krisenzeiten

Ein Unternehmen hat immer Zeiten, in denen Mitarbeitende wenig Gründe haben, zu diesem Unternehmen zu stehen – Zeiten, in denen Mitarbeitende Orientierung brauchen, die sie anderweitig bindet, weil die Sachargumente einer Bindung an das Unternehmen verlorengegangen sind. Gerade hier braucht es sinnorientierte Leadership, weil Sinn das Potential aufweist, auch dann zu binden, wenn andere Bindungsmechanismen nicht mehr verfügbar sind.

Auch und wahrscheinlich gerade dies benötigt ein Nachfolger und muss es lernen, bevor er die Nachfolge antritt. Denn schon während des Wandelprozesses in die Personalisierung des Familienunternehmens auf den neuen Nachfolger wird genau diese Eigenschaft relevant werden.

Den vollständigen Originalbeitrag von Prof. Dr. Markus Grottke findest du im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ und einen kostenlosen Auszug findest du unter Kapitelauszüge kostenlos lesen

Was „Lebenswerk mit Zukunft“ einzigartig macht: Das Buch verbindet wissenschaftliche Fundierung mit praktischer Umsetzbarkeit. Prof. Dr. Grottke greift auf die Sinnforschung von Viktor Frankl und moderne Leadership-Ansätze zurück, um ein ganzheitliches Verständnis von Werten in Familienunternehmen zu entwickeln. Die drei Dimensionen der Werte – Beziehung, Erlebnis und Einstellung – bieten einen praxistauglichen Rahmen für die Wertearbeit in der Nachfolge.