Nicht jede Unternehmensgeschichte endet mit einem erfolgreichen Verkauf. Manchmal findet sich trotz jahrelanger Suche kein geeigneter Nachfolger, manchmal scheitert die Finanzierung, manchmal ist das Unternehmen einfach zu spezialisiert oder zu sehr auf den Inhaber zugeschnitten. Was dann? Die meisten Unternehmer klammern sich verzweifelt an die Hoffnung auf einen Last-Minute-Käufer oder verkaufen unter Wert – ein Fehler.
In seinem Beitrag „Der letzte Deal: Wie Unternehmer den Wert ihres Lebenswerks sichern“ aus dem Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ erzählt Philipp Degen, M&A-Experte und Gründer von unternehmer-radio.de, die bemerkenswerte Geschichte von Peter Marth und seiner Gamma Maschinentechnik GmbH – keine klassische Erfolgsstory, sondern eine wertvolle Lerngeschichte über den Mut zur geordneten Schließung.
Der Wendepunkt: Erkennen der eigenen Grenzen
Nach Jahrzehnten im anspruchsvollen und aufreibenden Sondermaschinenbau erkannte Peter Marth mit Mitte 50, dass er den Marathon nicht bis zum regulären Rentenalter durchhalten würde. Sein Wunsch war klar: ein geplanter Ausstieg mit 58 Jahren. Diese frühe und ehrliche Selbstreflexion über die eigenen Grenzen und Wünsche ist bereits der erste entscheidende Schritt – viele Unternehmer schieben diese Erkenntnis zu lange vor sich her.
Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich jedoch als äußerst schwierig. Über mehrere Jahre fand sich kein geeigneter Kandidat. Selbst sein engster und fähigster Mitarbeiter, der das Geschäft in- und auswendig kannte, schreckte vor der Verantwortung, dem hohen Risiko und der Belastung für die Familie zurück. Ihm fehlte das, was Marth als das entscheidende „Chef-Gen“ bezeichnet: der unbedingte Mut und die Zuversicht, ein solches Unternehmen zu führen.
Die bewusste Entscheidung gegen den Notverkauf
Statt in eine ungewisse Hängepartie zu geraten oder das Unternehmen unter Wert zu verkaufen, traf Peter Marth eine bewusste und strategische Entscheidung: die geordnete Schließung. Diese Entscheidung erfordert Mut, denn sie bedeutet das bewusste Ende des eigenen Lebenswerks – gegen alle gesellschaftlichen Erwartungen, die nur den Verkauf als legitimen Ausstieg akzeptieren.
Ein Verkauf unter Wert hätte kurzfristig Liquidität gebracht, aber langfristig würde Marth mit ansehen müssen, wie sein Lebenswerk unter schlechter Führung verfällt oder der Käufer nach kurzer Zeit in Schwierigkeiten gerät und Mitarbeiter entlassen werden. Die geordnete Schließung gab ihm die Kontrolle über das Ende und ermöglichte einen würdevollen Abschied.
Der lange Weg der sauberen Abwicklung
Dieser Prozess war alles andere als einfach und zog sich über fast fünf Jahre hin, da Garantieverpflichtungen erfüllt und eine finale Betriebsprüfung abgewartet werden mussten. Sein Betriebsprüfer bestätigte ihm, dass eine solche saubere Abwicklung eine Seltenheit ist – die meisten GmbHs enden im Konkurs, mit allen negativen Folgen für Mitarbeiter, Lieferanten und den Ruf des Unternehmers.
Für Marth war dieser Weg zwar anstrengender als eine Übergabe, aber er ermöglichte ihm einen sauberen Abschluss ohne finanzielle Altlasten. Keine offenen Rechtsstreitigkeiten, keine unerfüllten Garantien, keine bösen Überraschungen Jahre nach der Übergabe. Diese Gewissheit ist unbezahlbar und ermöglicht einen echten Neuanfang.
Die Bedeutung einer Perspektive nach dem Unternehmen
Parallel zu diesem langwierigen Prozess hatte Marth bereits eine neue Leidenschaft für sich entdeckt: die Bildhauerei. Diese kreative Tätigkeit war mehr als nur ein Hobby – sie wurde zu einem wichtigen Ausgleich, der ihm half, vom regelbasierten Denken des Ingenieurs zu einer freien, kreativen Perspektive zu finden.
Diese Entwicklung einer Post-Unternehmer-Identität ist entscheidend. Unternehmer, die ihre Identität ausschließlich über das Unternehmen definieren, leiden am stärksten unter dem Ausstieg – egal ob durch Verkauf oder Schließung. Wer hingegen rechtzeitig alternative Sinnquellen entwickelt, erlebt den Übergang als Schritt in die Zukunft statt als Verlust.
Der Neuanfang als Künstler
Nach dem Ende seiner unternehmerischen Laufbahn stürzte sich Peter Marth mit voller Energie in sein neues Leben als Künstler. Er empfand die Befreiung vom ständigen Verantwortungsdruck als immense Erleichterung und hat seine Entscheidung nie bereut. Die Kreativität, die er jahrzehntelang in Maschinenkonstruktionen gesteckt hatte, konnte er nun frei entfalten – ohne Kundenvorgaben, ohne Termindr uck, ohne Mitarbeiterverantwortung.
Diese Geschichte zeigt eindrücklich, dass das Ende eines Unternehmens nicht das Ende des unternehmerischen Geistes oder der Schaffenskraft bedeuten muss. Vielmehr kann es der Beginn eines neuen, erfüllenden Lebensabschnitts sein – wenn die Voraussetzungen stimmen.
Die drei entscheidenden Lektionen
Peter Marths Weg liefert drei entscheidende Lektionen für Unternehmer, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen. Erstens ist eine geordnete Schließung eine valide strategische Option, die sorgfältig geplant werden muss. Sie erfordert einen Zeitraum von mehreren Jahren, in denen Garantien erfüllt, Verträge abgewickelt und Mitarbeiter sozialverträglich verabschiedet werden.
Zweitens ist eine frühzeitige und ehrliche Selbstreflexion über die eigenen Grenzen und Wünsche unerlässlich. Wer zu lange wartet und dann unter Zeitdruck entscheiden muss, hat keine guten Optionen mehr. Marth begann die Planung mit Mitte 50 – rechtzeitig genug, um alle Optionen zu prüfen und eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Drittens ist es entscheidend, sich rechtzeitig eine Perspektive für das Leben nach dem Unternehmen aufzubauen. Dies erleichtert das Loslassen erheblich und verhindert die Identitätskrise, die viele Unternehmer nach dem Ausstieg erleben. Die Bildhauerei war für Marth nicht nur Hobby, sondern neue Lebensaufgabe und Sinnquelle.
Wann ist eine geordnete Schließung die richtige Wahl?
Eine geordnete Schließung kommt infrage, wenn trotz intensiver Suche kein geeigneter Nachfolger gefunden wird, wenn alle Verkaufsangebote deutlich unter dem tatsächlichen Wert liegen, wenn das Unternehmen stark auf die Person des Inhabers zugeschnitten und nicht übertragbar ist, oder wenn der Unternehmer rechtzeitig aussteigen will und eine attraktive Perspektive für die Zeit danach hat.
Auch Marktveränderungen können eine Rolle spielen: Wenn absehbar ist, dass die Branche schrumpft oder das Geschäftsmodell mittelfristig nicht mehr tragfähig ist, kann eine geordnete Schließung auf dem Höhepunkt besser sein als ein verzögerter Notverkauf unter schlechteren Bedingungen.
Die Planung der geordneten Schließung
Eine geordnete Schließung erfordert sorgfältige Planung: Zeitplan für Auslauf festlegen (meist 3 bis 5 Jahre), Garantieverpflichtungen erfüllen, Mitarbeiter sozialverträglich verabschieden oder weitervermitteln, Kundenbeziehungen sauber beenden, Anlagen und Inventar verwerten, alle rechtlichen und steuerlichen Aspekte klären und parallel eine neue Lebensperspektive entwickeln.
Der finanzielle Aspekt ist oft besser als erwartet: Während der Auslaufphase erwirtschaftet das Unternehmen weiter Gewinne, Anlagen und Inventar können verkauft werden, und es fallen keine Akquisitions- und Beratungskosten für einen Verkauf an. Zudem haben Sie die volle Kontrolle über den Prozess und können vermeiden, dass Ihr Lebenswerk unter schlechter Führung verfällt.
Der gesellschaftliche Wandel im Denken
Es ist Zeit für einen Wandel im gesellschaftlichen Denken. Eine geordnete Schließung ist keine Niederlage, sondern eine mutige strategische Entscheidung. Sie zeigt, dass Sie die Kontrolle behalten, anstatt aus Verzweiflung unter Wert zu verkaufen oder in eine Insolvenz zu schlittern. Sie ermöglicht einen würdevollen Abschied von Ihrem Lebenswerk und einen selbstbestimmten Übergang in einen neuen Lebensabschnitt.
Peter Marths Geschichte beweist: Es gibt Leben nach dem Unternehmen. Manchmal führt der Mut zur Schließung zu mehr Freiheit, Kreativität und Lebensqualität als das verzweifelte Festhalten an einem Verkauf, der nie kommen wird. Die Frage ist nicht, ob Sie Ihr Unternehmen verkaufen oder schließen – die Frage ist, wie Sie Ihr Lebenswerk würdevoll abschließen und gleichzeitig den Weg in eine erfüllende Zukunft ebnen.
Den vollständigen Originalbeitrag von Philipp Degen finden Sie im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ und einen kostenlosen Auszug unter Kapitelauszüge kostenlos lesen. Das Buch ist einzigartig, weil es den konsequent externen Blick von 14 Experten vereint, die authentisch über Erfolge und Misserfolge in Nachfolgeprozessen berichten – ohne Schönfärberei, dafür mit wertvollen Erkenntnissen für Ihre eigene Situation.