Ein Drittel der Familienunternehmen scheitert bereits beim ersten Nachfolgeprozess, zwei Drittel der übrig gebliebenen beim zweiten. Laut dem Familienunternehmenforscher Arist von Schlippe sind diese Zahlen dramatisch – und sie haben eine tieferliegende Ursache, die oft übersehen wird: das Loslassen-Dilemma der Übergeber-Generation.
Dieser Beitrag basiert auf dem Kapitel „Nachfolge gelingt, wenn auch das Unsichtbare sichtbar wird: Bindungen, Spannungen, Rollen. Klarheit stärkt die Familie und sichert unternehmerisches Handeln“ von Christa G. Kober aus dem Buch „Lebenswerk mit Zukunft“. Als Wirtschaftsmediatorin, Coach und systemische Beraterin hat Christa G. Kober Familienunternehmen bei Nachfolgeprozessen, der Definition von Verantwortungsbereichen und der Erarbeitung von Familiencharten begleitet. Ihre Expertise liegt darin, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Bindungen, Loyalitäten und Erwartungen.
MEINS – die frühkindliche Prägung des Festhaltens
Das Festhalten an Errungenschaften ist etwas, was Kinder mühsam erlernen müssen. In der frühkindlichen Phase will man Errungenes auch nicht wieder hergeben. „MEINS“ ist ein geflügeltes Wort und untrennbar mit dem ICH, der Selbstbehauptung verbunden. Was ich habe, ist Besitz und Eigentum und wird heftig verteidigt. So lernt man, eigene Dinge vor Verlust zu schützen und den eigenen Bedarf zu sichern.
Diese frühe Prägung begleitet uns ein Leben lang – und sie erklärt, warum gerade starke Unternehmerpersönlichkeiten so große Schwierigkeiten haben, ihr Lebenswerk loszulassen. Was sie über Jahrzehnte aufgebaut, gegen Widerstände verteidigt und zum Erfolg geführt haben, ist nicht nur ein Unternehmen. Es ist Teil ihrer Identität, ihrer Selbstbehauptung, ihres Lebenssinns.
Das größte Hindernis: Der nicht abgetretene Vorgänger
Michael Klumpp, ein erfahrener M&A-Berater, bringt es auf den Punkt: „Das größte Hindernis in vielen Übergaben ist nicht der fehlende Nachfolger – sondern der nicht abgetretene Vorgänger.“
Dies zeigt sich in der Praxis auf vielfältige Weise: Der Altinhaber hat formal losgelassen, bleibt aber emotional präsent. Er führt weiterhin Hintergrundgespräche mit Kunden, mischt sich in Personalentscheidungen ein oder gibt „gut gemeinte Ratschläge“, die faktisch Anweisungen sind. Die Belegschaft ist verunsichert, die Nachfolger frustriert, das Unternehmen gelähmt.
Ohne bewussten Rollenwechsel bleibt das Loslassen eine Zumutung. Die Nachfolgegeneration gerät unter doppelten Druck: führen, aber bitte nicht zu radikal. Ohne klare Rollenzuweisung bleiben sie Getriebene zwischen widersprüchlichen Erwartungen.
Warum das Festhalten nicht aus Kontrollsucht entsteht
Es ist wichtig zu verstehen: Das Festhalten entsteht nicht aus Kontrollsucht oder mangelndem Vertrauen in die nächste Generation. Es entsteht aus Identitätsunsicherheit. Wenn das Unternehmen über Jahrzehnte die zentrale Quelle von Selbstwert, sozialer Anerkennung und Lebensinhalt war – wer bin ich dann ohne dieses Unternehmen?
Diese Frage ist existenziell und wird von vielen Unternehmern verdrängt, statt sie bewusst zu bearbeiten. Das Festhalten wird dann zu einer unbewussten Strategie, um diese existenzielle Leere nicht spüren zu müssen. Das Unternehmen sichert nicht nur die materielle Existenz, sondern auch die psychologische Stabilität.
Die harten Fakten der Nachfolgestatistiken
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Eine Studie der FAZ bestätigt, dass nur 50 Prozent der Unternehmen den Übergang in die zweite Generation schaffen. Von diesen erreicht wiederum nur ein Bruchteil die dritte Generation. Diese hohe Scheiternquote hat mehrere Ursachen – aber das Loslassen-Dilemma spielt eine zentrale Rolle.
Der nachstehende Ansatz zeigt verschiedene Aspekte und Lösungsansätze unter Einbeziehung der Perspektive der systemischen Psychologie. Erfolgreiche Musterlösungen gibt es nicht, sehr wohl aber Lösungen, die den individuellen Familienunternehmen unter Nutzung des Erfahrungsschatzes anderer erfolgreicher Übergaben gerecht werden.
Lösungsansätze für ein gesundes Loslassen
Erfolgreiche Nachfolge beginnt mit der Anerkennung, dass Loslassen ein Prozess ist, der Zeit und bewusste Gestaltung braucht. Konkrete Schritte können sein:
- Rechtzeitige Vorbereitung: Nachfolgelösungen sollten in einem strukturierten Prozess und auf verschiedenen Ebenen (emotional, rechtlich und steuerrechtlich) rechtzeitig auf den Weg gebracht werden – idealerweise 5 bis 10 Jahre vor der geplanten Übergabe
- Offener Diskussionsprozess: Von höchster Relevanz ist ein offener und transparenter Diskussionsprozess in der Familie, um Klarheit zu gewinnen über Erwartungen, Ängste und Wünsche
- Bewusster Rollenwechsel: Der Altinhaber braucht eine neue Rolle und Identität jenseits der operativen Geschäftsführung – sei es als Beiratsvorsitzender, Mentor oder in völlig anderen Lebensbereichen
- Etablierung klarer Strukturen: Die Einrichtung eines Beirates kann helfen, das Erfahrungswissen im Unternehmen zu halten und Transparenz zu sichern, ohne in operative Entscheidungen einzugreifen
- Professionelle Begleitung: Mediation, Coaching und systemische Beratung können helfen, unbewusste Dynamiken zu erkennen und konstruktiv zu bearbeiten
Die Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen ist von vielen Einflussfaktoren geprägt, die über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Doch keiner dieser Faktoren ist so emotional aufgeladen und gleichzeitig so oft unterschätzt wie das Loslassen-Dilemma der Übergeber-Generation.
Die Rolle der systemischen Psychologie
Christa G. Kober betont: „In Nachfolgeprozessen muss das Unsichtbare sichtbar werden: Bindungen, Loyalitäten, Erwartungen und Rollen dürfen ausgesprochen werden. Familie und Unternehmen bilden ein komplexes Geflecht. Klarheit stärkt die Familie und sichert unternehmerisches Handeln.“
Das Verständnis für die Funktionsweisen der Systeme Familie und Unternehmen ist entscheidend. Wer weiß, dass hier ureigene Dynamiken am Wirken sind, läuft weniger Gefahr, ein individuelles Versagen anzunehmen. Das entlastet alle Beteiligten und ermöglicht einen konstruktiven Umgang mit den systemimmanenten Paradoxien.
Festhalten ist keine Schwäche – es ist eine tief verankerte menschliche Überlebensstrategie. Aber erfolgreiche Nachfolge erfordert den Mut, diese Strategie bewusst zu hinterfragen und durch neue Formen der Identität und Sinngebung zu ersetzen.
Den vollständigen Originalbeitrag von Christa G. Kober findest du im Buch „Lebenswerk mit Zukunft“ und einen kostenlosen Auszug findest du unter Kapitelauszüge kostenlos lesen
Warum dieses Buch besonders ist: „Lebenswerk mit Zukunft“ geht über reine Steuer- und Rechtsfragen hinaus. 14 Experten beleuchten die emotionalen, psychologischen und systemischen Aspekte der Nachfolge – Themen, die in der Praxis über Erfolg oder Scheitern entscheiden.